Gesundes Wachstum im Web 2.0?

Nehmen wir einmal an, es gibt da so ein tolles Web 2.0 Startup, das relativ schnell - sagen wir mal innerhalb von 6 Monaten - eine erkleckliche Anzahl (z.B. 200.000) an registrierten Usern erreicht hat. Diese User können sich auf der nicht originären technischen Plattform kostenlos austoben mit all den neuen “User Involvement Features” und sozialen Netzwerk Optionen.

Das tut gut!

Die Presse ist auch schon aufmerksam geworden, weil die Gründer so herrlich hemdsärmelig und bescheiden daher kommen. Nehmen wir weiter an, das Unternehmen beschäftigt zwei Duzend Mitarbeiter, die -von der Wachstumseuphorie getragen- für einen sehr bescheidenen Lohn arbeiten, weil man ja das Projekt und die magere Kasse der Gründer nicht belasten will. Unterstellen wir außerdem, dass alle einschlägigen A-Blogger mit großinvestigativem journalistischem Esprit beobachten, welchen Wahrheitsgehalt die PR-Botschaften unseres Startups haben. Damit wird zwar der eine oder andere Fauxpas aufgedeckt, aber “Bad News” sind ja irgenwie auch “Good News”, wenn die Gründer dem pubertären Volk zugeordnet werden können. Schließlich werfen wir einen Blick in die Bücher und dürfen -wieder rein theoretisch und nicht auf StudiVZ Realitäten basierend - feststellen, dass die Erträge so gerade eben die Kosten decken, weil 10 Prozent der registrierten User bereit sind, im Voraus für drei Monate für Premium-Features zahlen und der eine oder andere Werbekunde Werbung auf der Seite schaltet, was allerdings einen Teil der registrierten User mit Unbehagen vernimmt und einige Premium-Kunden (25%) ihr Abo wieder gekündigt haben.

Zuletzt spekulieren wir, dass einige potenzielle Kapitalgeber Interesse haben, dieses Unternehmen zu begutachten, weil sie in diesem Markt Fuß fassen bzw. ihre eigene Community auf einen Schlag erweitern wollen, um die kritische Größe für attraktive Werbeverträge zu erzielen.

  • Wie bewerte ich nun dieses Unternehmen?
  • Sind die Werte auch belastbar?
  • Welches sind die Assets?
  • Wo sind die Risiken?
  • Wofür zahle ich eigentlich am Ende genau?

Meine Theorie:

Es gibt keine kaufmännisch vernünftige Bewertung.
Ich kaufe auf Verdacht, mit Phantasie und Bauchgefühl. Ich kaufe eine Community, aber ist es wirklich eine belastbare Gemeinschaft?
Ich kaufe Content, den ich nicht mehr produzieren muss, oder besorge ich mir nur eine Klagewelle streitwütiger Abmahner und Urheberrechtsprobleme?
Ich kaufe eine Marke im Web, aber ist das wirklich schon eine Marke oder nur ein Name?
Ich kaufe Know-How der Gründer, aber ist das wirklich fundiertes Wissen oder wildes Kreativpotenzial, das eben auch mal den Zeitgeist trifft?
Ich kaufe ein motiviertes Team, oder ist die Mannschaft nur eine auf bessere Zeiten hinarbeitende Freelancer-Gruppe mit (berechtigten) Entlohnungsansprüchen.
Ich kaufe die technologische Plattform, oder erwerbe ich doch nur ein Plagiat, welches im WEB als Open-Licence mit geringem Aufwand reproduziert werden kann?

Was sagen denn die klassischen Unternehmensbewerter zu dieser Frage? Was sagt das Stuttgarter Verfahren? Fragen über Fragen…aber -wie gesagt- rein theoretisch.

Denn wenn am Ende doch wieder exorbitante Summen für solche Unternehmen hingelegt werden, wird kein organisches Wachstum entstehen können und so manches Startup wird dem Druck der wirtschaftlichen Erwartungen im Zeitkorsett nicht standhalten. Schade, aber selbst Schuld.

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Roland Kühl-v.Puttkamer

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